Pelztierzucht

Tierische Aspekte in der Pelztierzucht

Kritik an Hellers Konzept

von Alexander Farkas

 

Einleitung

Nachdem die tierquälerischen Bedingungen in der Käfighaltung von Pelztieren in der Öffentlichkeit bekannt wurden und damit die Pelzbranche starken Umsatzeinbußen ausgesetzt war, begann die Pelzindustrie weltweit umzudenken. Dieses Umdenken manifestiert sich nicht etwa an dem Bestreben, die Haltung der Tiere zu verbessern oder gar auf tier- und umweltfreundlichere Produkte umzusteigen, sondern durch eine aggressivere und offensivere Verteidigung und Vermarktung von Pelzprodukten. Einen großen Teil der strategischen Konzeption zur Verteidigung des Pelzes nimmt die Förderung von Pro-Pelzgutachten ein, die dann in die Öffentlichkeit gestreut werden können.

Nutznießer dieser Förderung der pelzfreundlichen Gutachten sind einerseits die Wissenschaftler, die nicht lange auf die Suche nach Forschungsgeldern gehen müssen - und natürlich die Pelzindustrie, die mit diesen gekauften Gutachten die Meinung der Öffentlichkeit beeinflussen möchte. Vor allem das dänische Institute of Population Biology der Universität Kopenhagen und ihre Forscher im allgemeinen - und Prof. Dr. Knud Erik Heller im besonderen - haben von der Erstellung solcher Gutachten profitiert. In diesem Zusammenhang sind auch die Arbeiten "Wissenschaftliche Aspekte in der Pelztierzucht" und dessen "Ergänzung" Hellers zu sehen, welche von der International Fur Trade Federation herausgegeben werden.

Im Aufbau ähnelt diese Publikation sehr der guten und empfehlenswerten wissenschaftlichen Arbeit M. S. Dawkins "Animal Suffering" (dt. Fassung: Leiden und Wohlbefinden bei Tieren), welche sich mit der Frage beschäftigt, "wie man erkennen kann, ob und wann Tiere leiden". Hierzu werden unterschiedliche wissenschaftliche Methoden angeführt, auf ihre Stichhaltigkeit geprüft und bewertet. Neben der Tatsache, daß sich diese Arbeit mit allen Tieren, die in der Obhut des Menschen gehalten werden, beschäftigt und sich die Hellers nur mit Pelztieren, gibt es einige wichtige Unterschiede, die Hellers Arbeit als unwissenschaftlich entlarven:

1. Die Arbeit ist ein Sammelsurium von zum großen Teil gekauften und ebenfalls unwissenschaftlichen Studien.
2. Auf mögliche Schwachstellen und offene Fragen in den einzelnen Untersuchungen wird nicht hingewiesen. Im Gegenteil:
3. Heller geht davon aus, daß es mit seiner Streßforschung möglich ist, das Befinden von Tieren völlig objektiv und 100%ig zu bestimmen.
4. Heller stellt Begriffe der Ethologie in einem völlig falschem Sachzusammenhang dar, um sie in sein pseudowissenschaftliches Konzept zu pressen.
5. Hellers Argumentation ist widersprüchlich und hält einer Prüfung nicht stand.
6. Insgesamt vertritt Heller einseitig die Argumente der Pelzindustrie, andere Sichtweisen werden nicht angeführt.

Die allgemeine Volksweisheit, daß Gutachten, die beweisen, daß Wasser bergauf fließt, nicht unmöglich, sondern nur etwas teurer sind, findet hier wohl (zumindest z. T.) ihre Anwendung.

 

Domestikation, Anpassung und Streßmessung

Heller geht davon aus, daß der wesentliche Teil der genetischen Domestikation innerhalb der ersten 10 bis 15 Generationen stattfindet und somit Nerze und Füchse, die seit etwa 50-80 Generationen in der Gefangenschaft leben, weitgehend domestiziert sind. Er faßt Domestizierung als genetische aber auch als verhaltensmäßige und physiologische Änderungen zu Lebzeiten des einzelnen Tieres, zur Anpassung an die Gefangenschaftshaltung, auf. Dies ist jedoch falsch. Domestikation ist ein rein genetischer Prozeß und hat nichts mit "milieuinduzierten Änderungen innerhalb des Lebensverlaufes des einzelnen Tieres" zu tun (1).

Um seine Ansicht, daß Nerze und Füchse domestiziert sind, zu stützen, zitiert er eine Untersuchung des Instituts für Populationsbiologie, wonach durch gezielte Selektion Nerze nach nur 1-3 Generationen und Silberfüchse nach 6 Generationen Veränderungen in ihrem Verhalten bezüglich Furcht, Aggression und Neugierde erfahren haben (2). Aus genetischer und ethologischer Sicht ist eine solche Feststellung mehr als zweifelhaft (3). Darüber hinaus verkennt Heller 2 Tatsachen:
1. ein neugieriger, nicht aggressiver Nerz ist noch lange nicht domestiziert;
2. in der Praxis wird auf Fell- und Fortpflanzungsmerkmale selektiert und nicht - wie in der Untersuchung - auf Verhaltensmerkmale.

Tatsächlich zeigt der Farmnerz - nach einer sowjetischen Untersuchung - immer noch grundsätzlich ein aggressives, ängstliches Verhalten (4).
Nach neuroanatomischen Befunden zu urteilen, wird der Nerz in Wirklichkeit erst nach ca. 500 Generationen domestiziert sein (5). Das Gehirngewicht von Farmnerzen ist nur minimal niedriger als von Wildnerzen (ein Kriterium der Domestikation). Die Abnahme des Gehirngewichts beträgt nur 4-5%. Im Vergleich dazu hat das Gerhirngewicht vom Frettchen zu seiner Wildform 25-29% abgenommen (6). Nerz und Fuchs sind also weiterhin als Wildtiere oder höchstens als minimal-domestiziert zu bezeichnen.

Heller führt nun dazu über, daß Nerz und Fuchs aufgrund ihrer angeblichen Domestizierung einen Anpassungsgrad erreicht haben, der es ermöglicht, die Tiere tiergerecht in intensiven Käfighaltungsbedingungen unterzubringen. Aus der intensiven Nutztierhaltung von z. B. Legehennen, die schon seit Tausenden von Jahren in menschlicher Obhut leben und als domestiziert gelten, wissen wir, daß der durch die Domestikation erhöhte Anpassungsgrad noch lange nicht die Ausmaße erreicht hat, als daß diese Tiere tiergerecht unter reizarmen Käfighaltungsbedingungen gehalten werden könnten. Dies gilt erst recht für die noch nicht domestizierten Pelztiere.

Als Beleg für die ausreichende Anpassung von Nerzen an die Käfighaltung bringt Heller seine - von der Pelzindustrie viel zitierte - Streßstudie an, wonach Nerze unter normalen Farmbedingungen nicht an schädlichem Langzeitstreß leiden (7). Unter normalen Farmbedingungen versteht Heller, die Haltung von zwei Nerzen in einem Käfig mit einer Grundfläche von 0,27qm und einem angehängten Wohnkasten. Streß wie auch andere subjektive, individuelle Erfahrungen können nicht direkt gemessen werden. Der Wissenschaftler muß daher auf Indikatoren, wie z.B. Streßhormone zurückgreifen. Heller verwendet die Anzahl von eosinophilen Leukozyten als Indikator für Langzeitstreß. Bei Ansteigen der Leukozytenzahl steigt - laut Heller - ebenfalls der Streß. Doch gerade die Erforschung des Langzeitstresses ist aufgrund der großen Komplexität der physiologischen Vorgänge recht schwer (8) und nahezu unmöglich, wenn man nur auf einen einzigen Blutwert - wie es Heller und Jepessen taten - achtet. Hansen, der ebenfalls am Institut für Populationsbiologie mit Leukozyten als Streßindikator forscht, schrieb: "Unsere Befunde zeigen klar, daß das Wissen über Dynamik physiologischer Streßmessung ... unzulänglich ist" (9).

Des weiteren ist Streß nicht immer gleich zu bewerten. Die Wissenschaftler unterscheiden hier zwischen Disstreß (schädlicher Streß) und Eustreß (lebensnotwendiger Streß). Aus diesem Grund untersuchten Heller und Jepessen die Streßwerte von drei unterschiedlich gehaltenen Tiergruppen und prüften, bei welchem Streßwert die Widerstandskraft (ebenfalls wie der Streß kann die Widerstandskraft nur indirekt gemessen werden) der Tiere sinkt. Alle Tiere wurden in einem 0,27qm kleinen Käfig in unterschiedlicher Besatzdichte gehalten. Hierbei stellte sich heraus, daß Nerze, die alleine gehalten werden, am wenigsten gestreßt sind, und Nerze, die zu dritt gehalten werden am meisten. Bei der Untersuchung der Widerstandskraft zwischen zu zweit und zu dritt gehaltenen Tieren wurde ein Absinken der Widerstandskraft beobachtet, woraus geschlossen wurde, daß Nerze zu zweit, aber nicht zu dritt gehalten werden können. Der Fehler der Untersuchung wird hier sehr schnell deutlich. Das Bezugssystem wurde vollkommen falsch gewählt. Es wurde lediglich eine tierquälerische Käfighaltung mit einer anderen verglichen. Da sowohl Streß als auch Widerstandskraft relativ sind und die ermittelten Werte nichts darüber aussagen, daß Streß oder Widerstandskraft in einer anderen Haltung niedriger/bzw. höher sind, kann die Untersuchung nur über die getesteten Käfighaltungssysteme eine Aussage machen. Die Streßhöhe und die Widerstandskraft in einem Gehegehaltungssystem mit ausreichender Strukturierung und Raum wurde nicht untersucht. Nur diese wird jedoch als halbwegs tierschutzgerecht angesehen. Also ist die Annahme der Wissenschaftler, daß die Haltung eines Tieres, das weniger gequält wird als ein anderes, gleich als tierschutzgerecht bezeichnet werden kann, völlig absurd (10).

 

Normalverhalten und anomales Verhalten (Stereotypien, Kannibalismus)

Es liegt auf der Hand, daß Farmnerze in den kleinen strukturlosen Käfigen nicht jegliches Normalverhalten, welches Nerze in der Natur zeigen, ausdrücken können. Dies könnte bei den Tieren verschiedene Leiden verursachen. Heller erhebt dagegen drei Standardargumente:
1. Nerz und Fuchs sind domestiziert, so daß ihr "Normalverhalten" nicht mit dem Normalverhalten ihrer wilden Artgenossen übereinstimmt.
2. Fehlendes Normalverhalten erzeugt nicht immer Streß und Leiden.
3. Wildlebende Tiere erleben ebenfalls Einbußen in ihrem Wohlbefinden.

Punkt 1 seiner Argumentation trifft, wie wir oben gesehen haben, nicht auf die Pelztiere zu. Trotzdem ist das Ausbleiben der Möglichkeit, jegliches Verhalten zu zeigen, noch kein Indikator für Nicht-Wohlbefinden. Doch muß den Tieren, die in Gefangenschaft gehalten werden, ein Mindestmaß an grundlegenden Verhaltensweisen zugestanden werden, wenn eine tiergerechte Haltung angestrebt werden soll. Diese grundlegenden Bedürfnisse sind u. a. ein Mindestmaß an Fortbewegung, Erkundungsverhalten, Nahrungssuche und Nahrungsaufnahme, Sexual-, Sozial- und Aufzuchtverhalten.
Die Einschränkungen in der Käfighaltung sind jedoch so stark, daß diese grundlegenden Verhaltensweisen nicht tiergerecht ausgeführt werden können (11). Selbst die Nahrungsaufnahme (12) und häufig auch der Deckvorgang (13) werden nicht tiergerecht zugelassen.
Diese Nicht-Möglichtkeit, grundlegende Verhaltensweisen und damit Bedürfnisse auszuleben, verursacht Leiden und anormales Verhalten.

Heller leugnet, daß Stereotypien von Farmnerzen ein Zeichen von Leiden sind. Er sieht Stereotypien als Normalverhalten von domestizierten Tieren, die sich eben durch dieses Verhalten an die Gefangenschaftshaltung anpassen. Etwas später widerspricht Heller seinen Ausführungen und erklärt: "Es ist also wahrscheinlich, daß sich Stereotypien unter mangelhaften Milieubedingungen entwickeln." Andererseits hält jedoch Heller daran fest, daß stereotypierende Tiere sich eben durch ihr Verhalten an diese mangelhaften Bedingungen angepaßt haben. Er belegt seine Theorie mit dem Hinweis auf eine Untersuchung, die ergeben hat, daß stereotypierende Tiere geringere Streßhormone (Nebennierenrindenhormone) aufweisen als nicht-stereotypierende (14), was auf den ersten Blick für eine bessere Anpassung sprechen mag. Dem gegenüber stellte Mason eine Korrelation zwischen dem Maß an Stereotypien und einer Vergrößerung der Nebennierendrüsen fest (15) (ein Anzeichen von erhöhter Tätigkeit dieser und ein Indikator für Streß). Wie nun auch die von Heller vorgetragene Untersuchung zu bewerten ist, Stereotypien stellen nach Ansicht der heutigen Wissenschaft einen krankhaften Anpassungsversuch an eine nicht-adäquate Umgebung dar (16), bei der das Tier versucht, durch hochfrequente Aktivitätsmuster Streßhormone abzubauen (17) (eventuelle Erklärung für die niedrigen Streßhormone). Weiterhin versucht Heller, Stereotypien mit dem Hinweis darauf, daß diese Verhaltensstörung nur 2-4 % des Tages durchgeführt wird, zu relativieren. Jonge weist darauf hin, daß dies wenig erscheinen mag, daß aber faktisch 50 % aller Nerze 25 % der Zeit, in der sie wach sind, für Stereotypien verwenden (18). Jonge stellte außerdem bei 17,9 % der Fähen und 10,2 % der Rüden weitere Verhaltensstörungen in Form von Schwanzbeißen fest.

Mason kommt zu dem Schluß, daß die Anzahl der Stereotypien ein geeigneter Gradmesser für das Leiden von Tieren sein kann.

 

Käfigeinrichtung und Käfiggröße

Aus zahlreichen Laboruntersuchungen ist bekannt, "daß Gehegeeinrichtung und sonstige Nahmilieubedingungen wesentlich größere Bedeutung (für das Wohlbefinden) als der Gehegeplatz haben". Mit diesen Worten versucht Heller den Platzbedarf von Farmnerzen und -füchsen herunterzuspielen. Als Beleg zitiert er wieder einmal eine Untersuchung des Instituts für Populationsbiologie (19), wonach es keine klaren bzw. bedeutenden Unterschiede im Verhalten und im physiologischen Streßvorkommen bei Nerzen, die in Käfigen von 1 qm, 0,25 qm und 0,1 qm gehalten werden, gibt. Die Schwachstellen dieser Untersuchung sind dagegen etwas klarer:

1. Auch bei dieser Untersuchung wurde ein tierquälerisches Haltungssystem mit einem anderen tierquälerischen verglichen. Wenn bei dieser Untersuchung keine Unterschiede auftreten, so kann das nur bedeuten, daß die Nerze in allen Käfigen leiden. Tatsächlich ist dem so. Hansen beschreibt zu seinem Versuch ebenfalls Verhaltensstörungen wie Stereotypien, die in unterschiedlicher Anzahl in allen Käfigen anzutreffen waren (20).
2. Daß, nach recht eigenwilliger Definition, keine klaren bzw. bedeutenden Unterschiede zwischen den Tiergruppen auftreten, heißt nicht, daß keine signifikanten Unterschiede vorhanden sind. So traten ganz erhebliche Unterschiede im Verhalten insbesondere bei der Stereotypienanzahl auf. Nur bezweckte die Untersuchung nicht, wie Hansen es ausdrückt, "die Kausalfaktoren der verschiedenen Stereotypien wahrscheinlich zu machen" (21). Und wenn der Grund für das Auftreten eines Verhaltens nicht untersucht wird, dann heißt das noch lange nicht, daß es keinen Grund für dieses Verhalten gibt und die Verhaltensunterschiede nicht klar und unbedeutend sind. Neben den Unterschieden im Verhalten gab es auch Unterschiede im physiologischen Streßstatus der Tiere. Doch wie diese zustande kamen, konnte sich Hansen nicht erklären, somit sind auch diese Unterschiede - für ihn - nicht klar.

Und obwohl diese Untersuchungen von der Pelzbranche am zweithäufigsten - nach der ebenfalls gekauften, fehlerhaften und weiter oben besprochenen Streßstudie von Heller und Jepessen - genannt werden, um vom Wohl der Pelztiere zu überzeugen, endet diese Untersuchung mit dem sich selbst disqualifizierenden Satz: Die verhaltensmäßigen Ergebnisse geben keine Möglichkeit für die Evalution (also Bewertung) der Einwirkung auf das Wohlbefinden von Nerzwelpen.

Wie weiter oben gezeigt, führen die praxisüblichen Käfige zu Verhaltensstörungen und erlauben nicht einmal "grundlegende Verhaltensweisen". Sie sind eindeutig zu klein. Warum Heller soviel Wert darauf legt zu betonen, daß die Einrichtung der Käfige wichtiger ist als die Größe, ist fraglich. Zwar hat Heller recht, daß die Strukturierung eines Haltungssystems für das Wohlbefinden der Tiere wichtig ist, doch sind die praxisüblichen Käfige nicht nur klein, sie sind auch ziemlich strukturlos und bieten den Tieren keine Reize. Der angehängte Wohnkasten bei Nerzkäfigen muß als Argument für deren ausreichende Strukturierung herhalten. Dem Fuchs dagegen wird selbst ein Wohnkasten versagt. Er muß in einem völlig kahlen Käfig ohne Rückzugsmöglichkeit leben.

Um eine ausreichende Strukturierung der Käfige z. B. durch Sichttrennung zu verhindern, zitiert Heller u.a. eine Untersuchung, nach der es keine Unterschiede zwischen den Reproduktionsergebnissen von visuell isolierten Nerzfähen und nicht visuell isolierten gibt (22).
Daß Reproduktion ein schlechter Indikator für Wohlbefinden ist und daß Nerze, die visuell isoliert sind, sich ruhiger verhalten und weniger Stereotypien zeigen (23), läßt Heller mit Absicht weg.

Ähnlich dünn argumentiert Heller bezüglich der Forderung von Tierschützern, daß Nerze Zutritt zu einer Schwimmöglichkeit haben sollten. Er erklärt kurzerhand, daß Beobachtungen ergeben haben, daß Nerze nur kurzzeitig Interesse an Tummelwasser zeigen und nach einiger Zeit das Interesse verlieren. Für diese Behauptung führt er jedoch keine Belege z. B. in Form von Gutachten an. Woher Heller diese nicht nachprüfbare Aussage hat, ist somit fraglich. Demgegenüber gibt es jedoch wissenschaftliche Belege, die dafür sprechen, daß sich Tummelwasser positiv auf das Wohlbefinden von Farmnerzen auswirken könnte (24).
Wiepkema und Jonge fordern aufgrund von Untersuchungen eine weitere Strukturierung von Käfigen durch einen erhöhten Liegeplatz, manipulierbare Gegenstände (z. B. Röhren zum Durchschlüpfen), Verbinden einzelner Käfige usw. (25). Ludwig und Kugelschaffer gehen in ihrem Gutachten weiter und fordern ein mindestens 6 qm Gehege mit ausreichender Strukturierung und einer Bademöglichkeit. Sie halten außerdem ausdrücklich fest, daß diese Forderungen als Kompromiß zur Wirtschaftlichkeit zu sehen sind (26).

Die Käfige für Nerz und Fuchs sind eindeutig zu klein und zu unstrukturiert.

 

Wahlversuche

Wahlversuche sind Versuche, bei denen man den Tieren die Möglichkeit gibt, zwischen verschiedenen Haltungssystemen zu wählen, indem man z. B. verschiedene Haltungssysteme mit Röhren verbindet. Hat sich ein Tier für einen der Käfige oder ein Gehege entschieden, so kann man daraus schließen, daß dieses System das optimale ist. Heller lehnte diese Art von Versuchen in seiner ersten Arbeit (1989) ab und wies auf eine Problematik hin, die er als "Kaviar-Austern"-Problematik bezeichnete. Wenn ein Mensch Austern dem Kaviar vorzieht, so seine Argumentation, heißt dies noch lange nicht, daß Kaviar nicht schmeckt. Genauso kann es bedeuten, daß ein Haltungssystem, welches einem anderen vorgezogen wurde, genauso tierschutzgerecht sein kann wie dieses andere. In diesem Fall sind also beide tierschutzgerecht. Dies kann aber auch in umgekehrter Richtung zum Problem werden - nämlich dann, wenn alle zu untersuchenden Haltungssysteme tierquälerisch sind. Angesichts der Arbeitsweise Hellers und seiner Kollegen wohl ein größeres Problem. Eine weitere Schwachstelle dieser an sich guten Methode (alle hier aufgeführten Methoden - nicht nur die Wahlversuche - haben ihre Schwachstellen) ist, daß Tiere, genauso wie wir Menschen, eine Kurzzeit-Präferenz zeigen, d. h. Tiere wählen nicht immer das, was auf lange Sicht besser für ihr Wohl wäre.

In der Ergänzung zu seiner Arbeit (1993) fällt seine Kritik zu dieser Methode vollkommen weg. Wahrscheinlich deshalb, weil er nun eine Untersuchung vorbringt, nach der Füchse einen festen Boden nicht dem Drahtgeflecht vorziehen (27). Ausgerechnet bei dieser Untersuchung wurden die beiden oben genannten Schwachstellen nicht beachtet. Den Füchsen wurden in dieser Untersuchung nicht etwa mehrere Haltungssysteme mit festem Boden auf der einen Seite und Drahtgeflecht auf der anderen angeboten, sondern nur ein Käfig, dessen hälftige Grundfläche aus einer perforierten Platte und der andere Teil aus Drahtgeflecht bestand. Es ist wohl eindeutig, daß hier wieder einmal Tierquälerei mit Tierquälerei verglichen wurde, um zu absurden Schlüssen zu kommen.

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(1) Buchholtz u. Boehncke (1994): Stellungnahme der Internationalen Gesellschaft für Nutztierhaltung
(2) Hansen (1992) nach: Wissenschaftliche Aspekte in der Pelztierzucht
(3) siehe 1
(4) Trapezov
(5) Röhrs (1986) nach: siehe 1
(6) Bährens (1961); Drescher (1975); Röhrs (1986) zitiert nach: Ludwig u. Kugelschaffer (1994), Beurteilung von Amerikanischen Nerzen in Pelztierfarmen
(7) Heller u. Jepessen (1985) nach: Wissenschaftliche Aspekte in der Pelztierzucht

(8) Holst (1986); Schuhr (1987) nach: siehe 1
(9) Hansen u. Brandt (1989): Wirkung von Gehegegrößen und Nestkasten auf hämatologischen, endzymologischen Status und auf die physiologische Streßhöhe bei Nerzwelpen in: Scientifur 3/1989
(10) Farkas und Furter (1997), Friedhof der Kuscheltiere in: tierbefreiung aktuell

(11) Ludwig u. Kugelschaffer (1994): Beurteilung von Amerikanischen Nerzen in Pelztierfarmen
(12) Buchholtz (1993): Gutachten zum Ermittlungsverfahren gegen den Betreiber einer Nerzfarm, Huthmacher
(13) Haferbeck (1988) Die gegenwärtigen Produktionsbedingungen in der deutschen Nerz-, Iltis- und Fuchszucht unter besonderer Berücksichtigung der Tierschutzproblematik
(14) Odberg 1987 nach: Wissenschaftliche Aspekte in der Pelztierzucht
(15) Mason (1993) nach: 11
(16) siehe 12
(17) siehe 1
(18) Jonge (1987): Das Wohlbefinden von Farmnerzen
(19) Hansen (1989) nach: Wissenschaftliche Aspekte in der Pelztierzucht
(20) Hansen (1988): Deutscher Pelztierzüchter, Heft 9, September 1988
(21) siehe 20
(22) Hoffmeyer & Moller nach: Wissenschaftliche Aspekte in der Pelztierzucht
(23) u. a. Jonge (1987): Das Wohlbefinden von Farmnerzen
(24) u. a. Jonge (1987): Das Wohlbefinden von Farmnerzen; Ludwig u. Kugelschaffer (1994): Beurteilung von Amerikanischen Nerzen in Pelztierfarmen
(25) Wiepkema u. Jonge (1997): Pelztiere in: das Buch vom Tierschutz
(26) Ludwig u. Kugelschaffer (1994): Beurteilung von Amerikanischen Nerzen in Pelztier-farmen
(27) Harri u. a. (1992) nach: Wissenschaftliche Aspekte in der Pelztierzucht (Ergänzung)


(Fortsetzung folgt im "fellbeißer" 4/1998)