Infoblatt des "Kinderdorf Rio e.V."
Die Straßenkinder von Rio
Niemandskinder - Abandonados
"Die Mörder der Kinder töten täglich" - NRZ
"Jagd auf die meninos de rua" - FAZ
"Mehr als 400 Straßenkinder ermordet" - SZ
Unter diesen Überschriften berichteten Zeitungen über die katastrophale Situation der
brasilianischen Straßenkinder, der Abandonados (der "Niemandskinder"), die ohne festes Zuhause,
ohne den Schutz einer Familie versuchen müssen, sich auf der Straße durchzuschlagen:
mit Gelegenheitsjobs als Autowäscher oder Schuhputzer. Gezwungenermaßen aber auch als
Straßendiebe, Drogenkuriere oder Prostituierte. Oft ist dies die einzige Möglichkeit
für die Kinder zu überleben. Zwischen sieben und zehn Mio. Abandonados soll es in Brasilien
geben. Und sie leben mehr und mehr in Todesangst. Brasilianische Geschäftsleute heuern
Todesschwadronen an, um die Straßen von den Kindern zu "säubern".
"Zwischen 1988 und 1990 wurden in Brasilien mehr als 4.600 (!) Kinder und Jugendliche unter 18
Jahren getötet, wie aus einem Bericht der brasilianischen Bundespolizei hervorgeht."
(Frankfurter Rundschau vom 20.06.1991)
Die Arbeit von "Kinderdorf Rio e.V."
In dieser Situation wollen wir helfen. In unseren vier Kinderdörfern finden viele Jungen und
Mädchen, deren Eltern sich nicht mehr um sie kümmern können, ein neues Zuhause.
Wie z.B. Alice (5 Jahre), Aline (7 Jahre) und Pablo (8 Jahre). Ihre Großmutter wandte sich
an die staatliche Jugendbehörde, da die leibliche Mutter sich im Gefängnis befindet, wo
sie auf ihren Prozeß wegen Totschlags/Mordes an ihrem Manne, dem Vater der Kinder, wartet.
Alice, Aline und Pablo "lebten" vor ihrer Aufnahme im Kinderdorf in einer kleinen Hütte der
Tante - zusammen mit drei Erwachsenen und weiteren vier minderjährigen Kindern. Die Lebensverhältnisse
dieser "Gemeinschaft" waren erschreckend, es fehlte nicht nur an sauberem Wasser und den Mindesmöglichkeiten
der Körperpflege, sondern vor allem an Lebensmitteln (keiner der Erwachsenen hatte Arbeit)!
Wir sind froh, daß Alice, Aline und Pablo in einem unserer Kinderdörfer ein neues Zuhause
gefunden haben. Für sie war es ein schockierendes Erlebnis, die brutale Gewalttägkeit
zwischen ihren Eltern erleben zu müssen, bei welcher der Vater den Tod fand und die ihre Mutter
ins Gefängnis brachte.
Es wird der verständnisvollen Fürsorge bedürfen, um diese Kinder die vertrauensvolle
Nähe einer Kinderdorfmutter spüren zu lassen. Wir hoffen, daß auch aus Alice,
Aline und Pablo wieder gesunde und glückliche Kinder werden, dank der Liebe und Zuwendung,
die sie in ihrer neuen Familie erfahren. Nicht umsonst haben die Brasilianer unserem Dorf den
Namen "Dorf des fröhlichen Kindes" gegeben.
Zur Geschichte des Vereins
Angefangen hat alles im Jahre 1968. Der Spiritanerpater Hermann Josef Wüste und einige Freunde
gründeten unser erstes Kinderdorf in Amparo, Bundesstaat Rio de Janeiro. Dort leben seit
damals sechs Familien, aus denen im Laufe der Jahre etliche ehemalige "Niemandskinder" als
Erwachsene, als selbständige Frauen und Männer entlassen werden konnten.
Sie haben Glück gehabt, diese Jungen und Mädchen, die im Kinderdorf Amparo über
die materielle Versorgung und das Familienleben hinaus auch alles weitere vorfanden, was für
junge Menschen und das Zusammenleben der Gemeinschaft von Bedeutung ist, nämlich: Einen Kindergarten,
eine achtklassige Schule, Räume für die Erwachsenenbildung, eine Kapelle und einen
ärztlichen Behandlungsraum einschließlich kleiner Apotheke.
Das Beispiel machte Schule, auch im Lande selbst! Ein reicher Brasilianer, Senhor Montechiari,
ließ sich von unserer Idee überzeugen und schenkte dem Kinderdorfverein 1984 ein
Grundstück in der Kleinstadt Banquete. Wir bauten die vorhandenen Gebäude so um, daß vier
Familien mit fast 50 ehemaligen Straßenkindern sowie eine vierklassige Grundschule darin
Platz fanden und finden.
Die Schule ist nicht nur für die Kinder aus unserem Dorf bestimmt, sondern zur Gemeinde hin
offen; sie trägt so einerseits zur Sicherung der Schulbildung "unserer" Kinder bei und
ermöglicht andererseits durch ihre Öffnung für Kinder aus der Region den Kontakt
zwischen früheren Straßenkindern sowie den Jungen und Mädchen aus der ländlichen
Umgebung.
1985 legten wir den Grundstein für unser drittes Kinderdorf in Centenario/Santa Cruz. Dieses
Dorf besteht u.a. aus sieben Familienhäusern, einem großen Gemeinschaftszentrum, einer
Schreinerei sowei einer Modellfarm. Da wir unsere Arbeit nie isoliert betrachten, sondern nach
Möglichkeit auch Probleme der Menschen in der Umgebung unserer Kinderdörfer berücksichtigen,
wurde 1992 auf dem Gelände von Centenario eine Gesundheitsstation eingerichtet, deren ärztliche
Dienste auch der Bevölkerung zugute kommt.
Seit 1995 ist das vierte Kinderdorf in Sao Pedro de Aldeia im Bau, das Richtfest wurde schon
gefeiert. Im Jahre 1997 wird in der Stadt Nova Friburgo der erste Bauabschnitt einer Kindertagesstätte
eröffnet, die in der Endausbaustufe 90 Jungen und Mädchen aus den umliegenden Stadtvierteln
als Tagesstätte dienen sollte (siehe auch "Das Übel an den Wurzeln fassen: unsere
Kindertagesstätte).
Mit der Fertigstellung dieses ersten Moduls der Kindertagesstätte endet für unseren
brasilianischen Partnerverein auch ein jahrelanges Provisorium: Aus angemieteten Büroräumen
sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter endlich in "eigene" Räume auf dem Gelände
der Tagesstätte gezogen, darauf mußten sie über 25 Jahre warten.
Die Helfer in den Kinderdörfern
In unseren vier Kinderdörfern legen wir großen Wert darauf, daß die ehemaligen
Abandonados in eine "richtige" Familie integriert werden. Dazu gehört neben der Mutter des
jeweiligen Hauses, die Angestellte des Kinderdorfvereins ist und sicherlich auch den Hauptteil der
Erziehung übernimmt, auch der Vater, der seiner eigenen Arbeit nachgeht und daher erst gegen
Abend nach Hause kommt. Und die leiblichen Kinder des jeweiligen Elternpaares tun ein übriges,
unseren "Niemandskindern" das Gefühl eines Familienlebens zu vermitteln - wenn sie auch
manchmal zurückstecken müssen, denn Verzicht und das Zusammenleben mit anderen Kindern
müssen wie in jeder Großfamilie natürlich erst einmal gelernt werden.
Neben dem brasilianischen Elternpaar sind noch andere Personen am funktionierenden Ablauf in einem
Kinderdorf beteiligt. Da gibt es z.B. den Vorsitzenden des Kinderdorfvereins, den Verwalter des
jeweiligen Kinderdorfs und den Fahrer, der die Lebensmittel und einiges andere Tag für Tag
zu transportieren hat. Dann ist da auch der Schreiner, der unter Mithilfe der Jugendlichen fast
alles hölzerne Mobiliar in Eigenarbeit erstellt und es gibt die Landarbeiter, die in unserem
landwirtschaftlichen Arbeitsbereich in Centenario tätig sind.
Nicht vergessen dürfen wir die Lehrerinnen unserer Kinder. Alle diese Ämter und Aufgaben
werden, darauf legen wir großen Wert, von einheimischen (Fach-)Kräften erfüllt.
Wir möchten kein "deutsches Kinderdorf", sondern so viel an Verantwortung wie nur möglich
in brasilianische Hände legen und unseren Einfluß auf das Nötigste beschränken.
Wir möchten in erster Linie Hilfe zur Selbsthilfe geben.
Die Kinderdörfer sind offen
Ein isoliertes Paradies soll es nicht sein, unser Kinderdorf Rio. Daher haben wir von der Gründung
des ersten Dorfes an alles versucht, um uns in die vorwiegend ländliche Umgebung zu integrieren.
Freundschaften können natürlich bei Spiel und Spaß gefestigt werden, z.B. beim gemeinsamen Fußballspiel mit - oder
gegeneinander in unserem Centro Comunitario (Gemeinschaftszentrum). Die Turnhalle dieses im Herzen unseres Kinderdorfes
befindlichen Baus kann jedoch auch für festliche Aktivitäten (kinderdorfintern oder von auswärtigen Gemeinschaften/Gruppen)
genutzt werden.
Unseren Kindern wird neben der schulischen Ausbildung auch praktische Mitarbeit angeboten, z.B. in der Landwirtschaft oder der
kinderdorfeigenen Schreinerei: Diese Erfahrungen können ihnen später den Start ins Berufsleben erleichtern. Der Sinn eben dieser
Berufsausbildung ist noch ein weiterer: Durch den Aufbau und Verkauf landwirtschaftlicher Produkte und die Herstellung hölzernen
Mobiliars wird die Eigenversorgung der Dörfer gefördert.
Das Übel an der Wurzel fassen: unsere Kindertagesstätte
Kinderdorfarbeit beschränkt sich aber nicht nur darauf, Kindern zu helfen, die sich bereits auf der Straße durchzuschlagen versuchen.
Es geht uns vielmehr darum, schon im Vorfeld zu verhindern, daß aus Kindern überhaupt verwahrloste Straßenkinder werden. Wir
denken dabei besonders an die Kinder von alleinerziehenden Müttern. Um ihre Kinder zu versorgen, müssen die Mütter wegen
fehlender sozialer Absicherung berufstätig sein. Für die Kinder heißt das aber, daß sie schon früh auf sich gestellt sind und ohne den
Schutz der Mutter leben müssen. Hier wollen wir mit unserer Kindertagesstätte helfen. Dabei möchten wir familiäre Bindungen
aufrechterhalten.
Wie Sie helfen können
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Arbeit von Kinderdorf Rio zu unterstützen: Durch Spenden oder die Übernahme von Patenschaften können Sie unmittelbar helfen.
Eine nachhaltige Hilfsmöglichkeit ist die Übernahme einer Einzel- oder Familienpatenschaft, denn dadurch entstehen Brücken
zwischen Menschen, die helfen wollen und Kindern, die dringend Hilfe benötigen.
Gern nehmen wir ausgesuchte Sachspenden wie guterhaltene gebrauchte Kinderkleidung, Bettwäsche und Spielsachen entgegen. Auch die indirekte Hilfe durch Information über Situation der Kinder und Jugendlichen in Brasilien ist für uns immer von Bedeutung. Sprechen Sie in Ihrem Bekanntenkreis, in der Familie, am Arbeitsplatz... über die Lage der Menschen in Brasilien. Diese Art der Unterstützung, durch "Bewußtseinsarbeit" sollte nicht unterschätzt werden. Denn gerade dadurch bietet sich die Chance, den Kreis der Interessierten und Freunde von Kinderdorf Rio zu vergrößern.
Wenn Sie Näheres über die verschiedenen Hilfsmöglichkeiten erfahren möchten, schreiben Sie uns oder rufen Sie an.
Herzlichen Dank für Ihr Verständnis und Ihre Hilfsbereichtschaft!
Kinderdorf Rio e.V.
Brücktorstraße 139a - 46047 Oberhausen
Telefon 0208 874530 - Telefax 0208 871080
Kinderdorf Rio erhielt vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen/DZI das Spendensiegel als Anerkennung der Förderungswürdigkeit!