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Weltsicht
Ein Freund von mir schreibt sehr gerne Texte und Geschichten, um Erlebnisse und Gedanken zu verarbeiten und bedient sich dabei verschiedenster Stilrichtungen.
Als er mir diese Geschichte zeigte, war ich so davon begeistert, daß ich sie sofort mit auf die Seiten genommen habe. Er würde sich über Kritik sehr freuen, also schickt bitte positive und negative Resonanz an mich, ich werde sie dann weiterleiten.
Und jetzt viel Spaß mit einer, wie ich finde, sehr gut gelungenen Geschichte!

Das erste schwache Licht beginnt langsam zögernd durch die ohnehin sehr undurchsichtigen kleinen Fenster zu kriechen. Die dunklen Strahlen erhellen die traurige Szenerie des ewigen nächtlichen Geschehens, das den Schlaf zerreißt. Das Wimmern und Leiden manch anderer ließ einen selbst erzittern und das kribbelnde Gefühl des Schauers erklomm den Körper. Die Metallstäbe unseres Bereiches blitzten auf, als das Licht durch die Löcher in den mit Lehm beschmierten Scheiben hindurchschoß. Das immer gleiche Bild der Holzbretter, auf denen wir müde lagen, die von Erde, etwas Stroh und unserem eigenen Kot sehr glitschig waren. Die Rillen zwischen den Holzbrettern mit dem rutschig-feuchten Belag erschwerten den Füßen das leichte Gehen. Doch manchmal wurde der Boden mit Wasserstrahlen abgespritzt und etwas frisches Stroh hineingelegt. Man erzählt sich darüber, was angeblich gesehen wurde. Es wird viel erzählt, auch über die Sachen, die einigen passiert sein sollen.

Es dauert nicht mehr lange, dann kommt jemand von den Großen in die riesige Halle hinein, wo sich im Dachstuhl schnelle Vögel ihre Heime für die kleinen Neulinge bauen. Sie sind so flink und können durch die offenen und mit zackigen Löchern beschädigten Fenster an der Unterseite des Daches sich überall hin bewegen, ohne Drähte. Fliegen muß ein gutes Geschick sein. Die Öffnungen in den Fenstern, durch die wir aus unserem Abschnitt hinaus manchmal während den längsten und schaurigsten Nächten, in denen einer selbst keinen Schlaf mehr finden kann, in den Himmel sehen dürfen, wo die hellen Punkte leuchten. Das ist schön und so weit weg. Das läßt träumen von sanften Wiesen, hohen Bäumen, keinem Draht und keinen Großen.

Es geht jetzt los. Die Tür zum Bereich der Großen schwingt auf Jetzt müssen wir aufstehen, es geht nach draußen. Wir müssen schnell laufen auf den glitschigen Holzbohlen, sonst wird geschrien. Manchmal, wenn da welche bei den Großen sind, die wir nicht kennen, oder nur selten kommen und uns nach draußen lassen, da nehmen sie lange Stöcke und schlagen damit sogar auf uns und schreien dabei immer mehr und immer lauter. Heute sind es wieder viele, und Neue sind auch dabei. Einer sieht anders aus als die üblichen der Großen. Er kleidet sich in anderen Stoffen, aber er kommt auch öfters mal zu uns in die Halle hinein. Er hat keinen Stock und schreit auch nicht laut. Er sieht sich nur Bereiche an, wo ihn der andere Große hinführt. Danach gehen die von uns, die sich in diesen Bereichen befinden, aus dem anderen Tor heraus, an der anderen Seite der Halle.

Das Tor, durch das wir immer, nach jedem endlichen Lichtwerden in das Berauschende gehen dürfen, kann einer aus unserem Bereich aus sehen. Wenn es offen ist, sieht einer schon das lebendige und starre Ende der riesengroßen Bäume. Sie sehen so phantastisch aus, wenn einer draußen ist. Die von uns, die in der Nacht durch ihr Wimmern und Schreien des Schmerzes der Strapazen den Schlaf zur unruhigen Hölle machen, müssen in ihren Bereichen liegenbleiben. In dieser übel riechenden Ecke aus der Urin schimmernd rinnt, auf den feuchten Holzplanken durch das Labyrinth des Morasts aus Kot desselben. Das Gesicht klebt zwischen den dicken Stangen der Begrenzung. Ein zärtlicher Kontakt mit ihrem Körper bleibt verwehrt. Es geht nicht zu ihr. Es wird geschrien. Laut und gefährlich donnert die Stimme.

Die Großen stehen jetzt an einem Bereich. Diese von uns werden durch das Tor auf der anderen Seite gehen. Das Tor, das von unserem Bereich aus zu sehen ist, werden sie nicht mehr nach draußen durchqueren. Wir stehen da draußen immer alle auf dem weichen, bewachsenen Boden. Die, die nachts leiden müssen, liegen immer nur in ihrer Ecke in der Halle mit den vielen Bereichen mit Stangengrenzen, hinter denen andere von uns sich erleiden.

Der uns sehr bekannte Große wies in unsere Richtung. Wieder dieses Gefühl des Schauers, wenn einer das Wimmern und Schreien der leidenden anderen des nachts hört. Die beiden Großen gehen auf der großen Gasse entlang, die an unserem Bereichentlang geführt. Ich rieche die Angst und das Kribbeln, wie es meine Freunde übermannt. Es kommen die Bilder der Geschichten, die über das Nicht-Zurückkommen berichten. Das nie endende berauschende Gefühl der großen Bäume, des weichen Bodens ohne dieser Drähte, die einen nicht noch mehr sehen lassen können. Was ist denn nun hinter dem Tor, durch das sie nur einmal gehen, und dieser andere Große in dem anderen Stoff begleitet sie immer.

Wir sehen ihn nun. Er steht am Eingang zu unserem Bereich. Wir sind auf der anderen Seite, damit wir uns spüren können. Unsere Angst und die Ungewißheit auf das Kommende verschmilzt mit uns zusammen. Er ist so groß wie die anderen, aber er wirkt anders als sie. Er sieht sehr weich aus und riecht nach einem blumenhaften Duft. Seine Blicke beheften uns. Das Tor darf aufgemacht werden, winkt er. Wir müssen aus unserem Bereich heraus und durch das andere große Tor hinausgehen. Die anderen Auserwählten warten schon auf dem großen Gang. Der blumenduftige Große geht vor uns her, auf das andere Tor zu. Wir folgen ihm mit den anderen von uns. Wir tauschen unsere Gemeinschaft aus und versuchen uns ein bißchen zu wärmen. Wir können nun endlich einmal durch das andere Tor hindurchgehen und sehen, was uns dort wirklich erwartet. Doch Angst ist viel stärker als Illusionen.

Hinter dem Tor ist ein Platz mit sehr hartem Boden, der sehr hell strahlt von dem starken Licht. Auf dem Platz steht eine große Kiste, in der sich schon andere von uns befinden. Wir müssen zu dieser Kiste gehen. Dort sind ganz viele von den Großen. Sie weisen uns den Weg zu der Kiste. Stöcke warnen uns vor dem neugierigem Interesse. Hinter der Kiste, an der ein Aufstieg angebracht ist, steht eine große feste Halle. Ich sehe keine bekannten Großen mehr, auch der Blumendüftler ist verschwunden. Wir sind umgeben von Fremden, die uns mit ihren Stöcken auf den Aufstieg zudrängen. Beschwerlich gehen wir zu den anderen in die Kiste hinein. Sie sehen genauso zerschunden und verdreckt aus wie wir. Manche liegen erschöpft auf dem Boden. Bei einigen rinnt Blut an ihrem Körper glitzernd herunter. In den Wunden ist schwarzer Dreck. Die Kiste ist dunkel, der Boden hart und glitschig, wie bei uns in der Halle. Einige fallen beim Gehen hin. Durch Löcher mit Gitterstäben davor können wir aus der Kiste heraussehen.

Wir sind nun alle in die Kiste hinein gekrochen. Der Aufgang zur Kiste wird von den Großen hoch geschoben. Sie machen die Kiste dunkel. Lichtkanäle aus den Gitterausblicken durchdringen den schwarzen Nebel. Es riecht scheußlich nach Elend und Schmerz. Wir warten. Es bewegt sich der Boden. Alles wackelt. Es wird schwierig, sich zu bewegen und zu stehen. Für einen kurzen Moment fällt die Kiste und prallt auf Wir werden durchgeschüttelt und einige von uns rutschen erschöpft aus und fallen auf den harten glitschigen Boden. Die Kiste bewegt sich immer länger und holpert herum. Zwischen den Gittern können wir die Landschaft draußen vorbeiziehen sehen. Die Landschaft bewegt sich. Die Kiste, in der wir uns befinden, bewegt sich durch die Landschaft, weg von dem Ort, wo wir zuvor leben mußten. Leben ist auch nur ein Wort dafür. Das Wort lügt. Wir warten auf das was passiert. Alles wackelt so. Wir sind wie immer m&uuuml;de, der Körper schmerzt. Die Landschaft draußen verändert sich. Es wird lauter. Ein lautes Grollen tönt von draußen zu uns herein. Alles zuckt und bewegt sich dort. Ein sich stetig veränderndes Spiel aus Vorbeischnellen und sich verschlingenden glühenden Lichtern. Vielen von uns geht es immer schlechter. Wir warten.

Plötzlich bewegt sich nichts mehr. Die Klappe geht auf und wird zum Ausgang aus dem Dunkel der Kiste. Viele Stimmen von Fremden sind zu hören. Aufregung liegt in der Luft. Es strömt kein warmer Duft herein, wie er immer hinter dem Tor unseres Bereichs gegenüber zu riechen war. Diesen Geruch kennen wir nicht und er bereitet Unbehagen. Wir werden von den Fremden mit Stöcken aufgefordert, aus der Kiste heraus zu gehen. Wir sollen in ein großes Gebäude gehen. Beim Abstieg nach draußen kann einer es in der Sonne riesig erstrahlen sehen. Es ist so grell, wie die Sonne selbst. Ein paar von uns sind in der Kiste liegen geblieben. Sie können nicht mehr aus der Kiste heraus gehen. Der Duft des Daseins ihrer Leben kann nicht mehr gerochen werden. Die Fremden sind laut und werfen sie aus der Kiste heraus. Sie treten nach uns und treiben uns in das Gebäude hinein. Überall sind Fremde, die mit Stöcken auf unseren Weg aufpassen, der durch lange Gänge mit hohen Decken führt. Alles ist mit hellen kalten Platten bedeckt. Es ist unangenehm auf ihnen zu laufen. Wir zittern vor Angst und den Strapazen des erschwerlichen Aufenthalts in der wackelnden Kiste. Die Fremden haben helle lange Gewänder an, die befleckt sind mit dunklen Flächen. Schaudernd und gefährlich sieht die Atmosphäre aus.

Wir gelangen in kleinere Halle, die kalt und düster erscheint. Die Geschichten der anderen über diese Reise fallen wieder wie Regentropfen ins Gesicht. Wir alle sind erschöpft und am Ende jeder möglichen Freude. Ein paar von uns werden aus der kleinen Halle, mit den zerstörten Wracks an Lebewesen von den Fremden heraus geführt. Es ertönt ein Rattern aus klingenden Tönen. Wieder werden ein paar von unserer Gruppe heraus geführt. Dieser kribbelnde Schauer lähmt einen. Jetzt müssen wir mit den Fremden hinausgehen. Durch die Gänge, durch die wir geführt werden, finden wir nie wieder heraus. Viele kleine Hallen durchqueren wir. Komische Gegenstände können von dem flüchtigen Blick erhascht werden. Plötzlich stehen wir in einer riesigen Halle, die durchzogen ist mit Stäben und vollgestellt mit großen Gegenständen. Wir stehen vor einer leeren Wanne, die mit dem Saft aus den Wunden befleckt ist. An der Wand dahinter hängen ein paar von uns tot an Haken. Einer von uns wird mit Schlägen in die Wanne getrieben. Er schreit die Qual der Angst vor dem Ende, dem Dasein, dem Dahinsiechendem, in der Dunkelheit der Halle und dem Erquickenden Draußen hinter dem Tor. Die Fremden halten ihn fest, er zappelt zitternd. Er will fort von diesem erdrückendem Gefühl. Ein anderer Fremder geht zu seinem Kopf mit einem Gerät. Es knallt. Unser Freund zappelt nicht mehr. Er schreit auch nicht mehr. Er ist tot. Er wird an die Wand zu den anderen gehängt. Er blutet den Saft der Wunden. Panische Angst rinnt aus den Schweißporen. Wir alle müssen, von den Stöcken getrieben, in die Wanne gehen und nachher an der Wand hängen. Auch ich. Die Geschichten von den anderen sagen nicht was nach dem Tod die Fremden mit uns machen. Auch ich muß unter dem Schmerz der Stöcke in die Wanne rutschen. Auch ich wehre mich im Schrei gegen das Knallen. Sie halten mich fest. Ich bekomme auch das Gerät an den Kopf. Auch ich fühle nachher nichts mehr.

(C) 1998 N.G.


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